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Ich verstehe Drogensüchtige und anonyme Alkoholiker, habe mich auch selbst schon ähnlich gefühlt, als ich versuchte, mich tagelang von Telefon oder SMS fern zu halten. Ich habe versucht ins wirkliche Leben zurückzukommen. Ein kurzer Kontakt mit meinem Ex würde schon für einen Rückfall genügen. Der Gedanke dass unsere Beziehung eine Zukunft haben würde, war sehr verlockend. So verlockend wie jede Sucht. Aber ich war fest davon überzeugt, dass die Tage, an denen ich standhaft blieb, mich weiterbringen würden.

Mit großer Aufregung erwartete ich meinen Dreiunddreißigsten. Ich war fest davon überzeugt, meine innere Kraft würde dann im nächsten Augenblick alle meine bis jetzt lieb gewonnenen Abläufe brechen. Ich spürte, eine Veränderung war unausweichlich. Man sieht sie noch nicht, aber sie schwebt schon in der Luft. Die Folgen waren mir noch nicht bewusst, aber ich spürte die Wucht, mit der sie sich näherte, mit jeder meiner Körperzellen. Die Zeit war gekommen, nichts würde mehr so sein wie zuvor.

Ich war schon immer etwas gläubig. Ich habe gerne geglaubt. Das ist meine Energiequelle. Ich bin draufgekommen, dass ich ohne Glaube nicht glücklich sein kann. Ging ich einkaufen, war ich fest davon überzeugt, dass ich im Geschäft genau das finde, was zu mir passt und mir gut tut. Wenn ich ein Brief schrieb, habe ich fest daran geglaubt, dass der Empfänger meinen Brief genau so empfinden wird, wie ich es gemeint habe. Wenn ich einen Hund gestreichelt habe, dann glaubte ich, dass das uns beiden guttut. Ich konnte durch das Glauben meine Lebensfreude aufrecht halten. So habe ich das Glücksgefühl gefunden.

Es fällt mir sofort auf, wenn ich etwas ohne Glaube und Überzeugung tue. Dann dauert die Tätigkeit unendlich, ist langweilig, ich muss mich überwinden und werde immer gereizter. Steht ein Mensch in der Früh auf und geht sein Job an, dann ist es besser, wenn er an das glaubt, was er tut, sonst wird sein Job zur Qual. Jeder Luftzug – unendliche Quälerei.

Ich gehe gerne durch die Altstadt und spiele folgendes Spiel: Ich werfe ein Blick auf einen Menschen, auf sein Gesicht, schaue ihm in die Augen und dann versuche ich zu erraten, ob er daran glaubt, was er in diesem Moment macht.

Eines Tages, ich war noch ein Kind und wollte damals so überhaupt nicht aufstehen, gingen mir einige schreckliche Gedanken durch den Kopf. Ich erinnere mich an meinen Gedankenfluss: Mir war bewusst, dass ich im Bett lag. Und, wenn ich sterben würde, bedeutete dies, es wäre mir nicht mehr bewusst? Und wenn es mir nicht mehr bewusst wäre, wohin entschwindet dann mein Bewusstsein? Wohin entschwinde dann ich? Kann mein Bewusstsein noch etwas begreifen, wenn ich tot bin? Na, dann bin ich doch nicht tot. Tot zu sein wäre dann wie das Licht im Zimmer auszuschalten. Die Verbindung mit der Lampe geht dann verloren.

Mein Körper verliert die Verbindung mit dem Bewusstsein. Ich fühlte mich schrecklich in diesem Augenblick … Dieses Gefühl ließ mich vor Angst erstarren.

Wie konnte das nur sein? Ich beschloss, nie mehr an den Tod zu denken, um weniger Angst zu haben… Allmählich begann ich an das existierende Leben im Jenseits zu glauben. Mir gefielen die schönen Erzählungen über das Paradies. Mit diesem Glauben hatte das Leben auf einmal Sinn, denn sonst wäre die ganze alltägliche Tätigkeit für mich sinnlos, es wäre sinnlos vom Bett aufzustehen, genauso wie das Lernen in der Schule oder Bemühungen attraktiv auszusehen. Wozu soll ich das alles tun, wenn ich eines Tages von meiner Lampe einfach abgeschaltet werde? Wozu sollte ich denn überhaupt den ganzen Weg bis zu dem unvermeidlichen Vernichtungsmoment gehen?

Ich bin nie auf die Idee gekommen, einfach für mich zu leben. Einfach deswegen, weil es schön ist. Was für reine Gedanken haben wir in der Kindheit, und wie egoistisch werden wir als Erwachsene.

Mit dreiunddreißig Jahren hatte ich das Alter von Jesus Christus erreicht und geglaubt: In diesem Alter geschah in seinem Leben etwas Besonderes, auch mit mir wird etwas geschehen. Es war lächerlich, wie ich darauf wartete. Schließlich, nüchtern überlegt, war es mehr als fraglich, ob das, was Christus erlebt hat, wirklich Spaß gemacht hat. Er musste in der Wüste hungern, er ging seinen Weg, obwohl er wusste, dass er zu Tode gefoltert werden wird. Sollte man auf so etwas wirklich mit einem freudigem Zittern im Herzen warten?

Damals habe ich auch gefastet. Das war der Beginn meines neuen Lebens. Ich muss gestehen, dass ich schon zwei Jahre lang tief in meinem Herzen um Veränderungen gebeten hatte. Wenn ich von der Arbeit heimging, habe ich mir immer gleich neue Aufgaben überlegt. Wenn ich in den letzten beiden Jahren eine freie Minute hatte, betete ich. Ich betete um Ordnung für meinem Leben. Ich machte es, wie ich gerade konnte. Einmal listete ich einfach meine Wünsche auf, ein anderes Mal betete ich in Gedanken. Ich glaubte, dass Ehrlichkeit das Wichtigste wäre und hoffte, indem ich ehrlich blieb, würden meine Gebete erhört werden.

Ich beschloss dann mehr als zwanzig Tage zu fasten. Dreißig oder vierzig Tage wären mir lieber, wie es auch anderen bereits gelungen war. Aber ich war schlank und ich wusste, dass mein zu geringes Gewicht mich zwingen könnte, das Fasten abzubrechen.

Ich erinnere mich, ich sitze zu Hause und freue mich, dass ich noch einen Tag im Kalender ankreuzen kann! Sogar ein Doppelkreuz! Darum ist auch die Freude doppelt! Ein Kreuz bedeutet, dass ich heute erfolgreich gefastet, ohne Nahrung gelebt, nur Wasser getrunken habe! Das zweite Kreuz bedeutet, dass es keine Schwäche, kein Erweichen in der Beziehung zu BB (BB: hier Blaubart. Anmerkung der Red.) gab.

Ich habe den Kalender selbst gezeichnet. Als ich ihn zu entwerfen begann, habe ich nicht an ein Lineal, auch nicht an andere Hilfsmittel gedacht. Ich musste einfach so schnell wie möglich alle diese Kalenderfelder vor mir haben, die ich ankreuzen würde.

Ich musste so schnell wie möglich die Freude von einem Doppelkreuz in meinem Kalender erleben.

Ich würde so viele Kreuze eintragen, wie viele Tage ich zu fasten schaffte. Ich weiß jetzt nicht, wie viele Einträge ich wegen der Beziehung mit BB in den Kalender machen muss, doch freue ich mich tief in meinem Herzen über jedes Kreuz, das ich am Ende des Tages machen kann.